Europäische Forschungsprogramme: Was für Startups auf dem Spiel steht

07.05.2014 10:03

Dieses Jahr ist das milliardenschwere neue Forschungsrahmenprogramm Horizon2020 gestartet. Aufgrund der Ergebnisse der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative kann die Schweiz derzeit nur als Drittstaat daran teilnehmen. Jetzt ist wieder Bewegung in die Verhandlungen gekommen. Die Beispiele von InSphero und SwissLitho zeigen, worum es für Startups geht und was Hightech-Jungunternehmen nun tun sollten.

Es ist wieder Bewegung in die Verhandlungen zwischen der EU und der Schweiz gekommen. Dies ist auch für Startups eine gute Nachricht. Denn auch sie haben in der Vergangenheit von der Assoziierung der Schweiz an das europäische Forschungsrahmenprogramm profitiert, die momentan ausgesetzt ist. Die Einigung mit der EU in Sachen Kroatien lässt hoffen, dass in absehbarer Zeit wieder die gleichen Teilnahmebedingungen für Schweizer Unternehmen herrschen wie vor der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative.

Ein gutes Beispiel für den Nutzen der EU-Projekte liefert das Nanotechnologie-Startup SwissLitho. Mit seinem Nanofrazor lassen sich Nanostrukturen schnell und einfach herstellen. Einen wichtigen Meilenstein hat das Unternehmen mit dem Verkauf eines ersten Nanofrazors an ein Forschungsinstitut vor kurzem erreicht. Doch die Entwicklung ist damit noch längst nicht abgeschlossen. Das Startup will neben dem Gerät für Forschungslabore auch einen industriell nutzbaren Nanofrazor auf den Markt bringen. In diesem Zusammenhang profitiert SwissLitho von der Teilnahme an einem EU-Forschungsprojekt. „Das EU-Projekt finanziert zu einem erheblichen Teil unsere Entwicklungen“, sagt Felix Holzner, CEO von SwissLitho.

Bei EU-Projekten fliesst Geld auch direkt in die Kasse der teilnehmenden Unternehmen. Gerade für Startups ein wichtiger Vorteil. Daneben profitieren die Firmen vom Zugang zum europäischen Netzwerk. „Partner mit dem Know-how, das wir benötigen, gibt es in der Schweiz so gut wie nicht“, erklärt Holzner.

SwissLitho ist bei weitem nicht das einzige Schweizer Startup, das an EU-Projekten teilnimmt. Viel Erfahrung besitzt auch das Biotech-Unternehmen InSphero. Die Firma hat eine Technologie zur Herstellung dreidimensionaler Gewebeproben entwickelt und liefert heute zum Beispiel Mikrolebern für Medikamententests an ihre Kunden.

InSphero ist an mehreren EU-Projekten beteiligt. Sie dienen entweder der Validierung der Technologie in einem neuen Einsatzgebiet oder der Weiterentwicklung. Ein Projekt wird sogar von der Firma aus Schlieren koordiniert. Das Ziel dieses Projektes ist die Entwicklung eines Chips, auf dem mehrere Mikro-Organe untergebracht sind, die wie im menschlichen Körper miteinander interagieren. „Alle diese Projekte sind für uns von strategischer Bedeutung“, unterstreicht Wolfgang Moritz, Head of Research bei InSphero.

Seit der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative ist die Teilnahme von Schweizer Unternehmen am Forschungsrahmenprogramm nur noch eingeschränkt möglich. Beim neuen EU-Programm Horizon 2020, das Anfang Jahr gestartet ist, ist die Schweiz nicht mehr assoziiertes Mitglied, sondern wird als „Drittstaat“ behandelt. Grundsätzlich können Schweizer Unternehmen zwar noch teilnehmen, aber es gelten folgende Einschränkungen:

  • Die Finanzierung der Schweizer Partner in einem Projekt erfolgt nicht mehr über das EU-Programm, sondern via Bund. Die genauen Modalitäten werden derzeit noch erarbeitet.
  • Bei EU-Projekten gibt es Mindestbedingungen hinsichtlich der Teilnehmerzahl, zum Beispiel mindestens drei Partner im Forschungsprojekt aus mindestens drei Ländern. Schweizer Unternehmen zählen dabei nicht mehr. Die Mindestbedingungen müssen also auch ohne den oder die Schweizer Partner im Projekt erreicht werden.
  • Schweizer Partner können in der Regel keine Projekte mehr koordinieren.
  • Im neuen Rahmenprogramm Horizon 2020 gibt es zudem ein neues Instrument zur Förderung von KMU, zu denen auch Startups gehören. Von diesem Förderinstrument sind Schweizer Unternehmen derzeit komplett ausgeschlossen. Für InSphero Forschungschef Wolfgang Moritz ein echter Nachteil: „Wir hatten uns schon auf die Eingabe eines entsprechenden Projektes vorbereitet.“

Am beliebten Eurostars-Programm können Schweizer Unternehmen dagegen nach wie vor ohne Einschränkungen teilnehmen. „Wir haben erst vor kurzem ein entsprechendes Gesuch eingereicht“, sagt Felix Holzner von SwissLitho.

Die Unübersichtlichkeit der Lage bringt einen weiteren Nachteil für Schweizer Firmen mit sich, denn sie verunsichert potentielle Projektpartner. Sowohl Wolfgang Moritz als auch SwissLitho-Chef Felix Holzner haben bereits entsprechende Erfahrungen gemacht. So hätten sich potentielle Partner für ein EU-Projekt nach einer ersten Anfrage plötzlich nicht mehr gemeldet.

Von all den Herausforderungen sollten sich Schweizer Startups indes nicht abschrecken lassen. Die grundsätzlichen Vorteile von EU-Projekte – die direkte Finanzierung von Forschung und Entwicklung im Unternehmen und die Vernetzung mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Firmen in ganz Europa – überwiegen deutlich.

Schweizer Firmen sollten allerdings aktiv kommunizieren, dass sie teilnehmen können und ihre Kosten im Fall einer Genehmigung des Projektes durch die Schweiz getragen werden.

Zudem sollten Startups die weitere Entwicklung genau beachten. Seit dem Übereinkommen zwischen der Schweiz und der EU, das die Ausdehnung der Freizügigkeit auf Kroatien betrifft, ist wieder Bewegung in das Verhältnis zwischen den Verhandlungspartnern gekommen. Dies könnte sich auch auf die Teilnahme der Schweiz am Forschungsrahmenprogramm auswirken. Einige Insider der Schweizer Forschungsszene sind überzeugt, dass sich die Situation nach den Wahlen zum EU-Parlament Ende Mai wieder beruhigt und die Schweiz wieder als assoziiertes Mitglied am Forschungsprogramm teilnehmen kann. 

Weitere Informationen:
Die wichtigste Anlaufstelle für Auskünfte zu den europäischen Forschungsprogrammen ist Euresearch. Zum aktuellen Stand der Dinge gibt es ein Dokument mit "Frequently Asked Questions", das laufen aktualisiert ist. Es kann ebenfalls auf der Webseite von Euresearch heruntergeladen werden.

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